Neuauflage Oktober 2010!

66 Schreibnächte.

Anstiftungen zu literarischer Geselligkeit
Schneider Verlag Hohengehren ISBN-10: 3834008095; ISBN-13: 978-3834008091; 19,80 €

endlich wieder lieferbar: http://www.amazon.de

Die literarische Geselligkeit ist ein Abenteuer. Es entsteht eine ganz besondere Energie, wenn man sich nicht alleine vor sein leeres Blatt setzt, sondern ringsum viele Stifte in Bewegung sind.

Lesen Sie dazu: Rezensionen und Lesermeinungen

Aus dem Vorwort:
Dieses Buch ist während unserer 10jährigen Arbeit als Schreibgruppenleiterinnen entstanden.
Es ist ein Praxisbuch für alle, die Lust haben, in der Gruppe zu schreiben.
Wir haben Schreibgruppen-Erfahrungen mit den unterschiedlichsten Menschen gesammelt. Unabhängig davon, wer mit uns schrieb - wichtig war vor allem der Spaß an der gemeinsam erlebten Kreativität. Das Schreiben in Gruppen setzt Lebensenergien frei. Schreibgruppen lassen sich im Freundeskreis genauso organisieren wie an der Volkshochschule, in der nächsten Kneipe,an der Uni oder in der Schule.
Wir möchten dazu ermutigen, diese besondere Form der literarischen Geselligkeit weiter zu verbreiten.
Wir wünschen uns, dass unser Buch viele Menschen zum Schreiben anstiftet! In diesem Sinne:
Katrin Girgensohn & Ramona Jakob


Der Inhalt:
(Die * - Kapitel enthalten eine Beispielnacht)

  • Einige Anmerkungen zum kreativen Schreiben
  • Tipps für Schreibgruppenleiter / Regeln unserer Schreibnächte
  • Methoden
  • Textarbeit *
  • Wenn Texte sprechen lernen
  • Literaturliste

Die Nächte im Überblick:

1. Biographisch-Philosophisches

Kreative Literaturgeschichte

 

Genre und Stil

Schreiben mit allen Sinnen

 

Magisches

Frauen

 

Intimes

Team-Poetry

 

Ausflüge

 

Zwei Beispielnächte:

1. Nacht:
Woher ? Wohin ? Wo ? - Zur BioGrafik des Lebens

Erinnerungen leben von Bildern. Um sie hervorzulocken, reicht Sprache manchmal nicht aus. Die BioGrafik - das Darstellen einer Lebenskurve - hilft, das Leben als Ganzes zu strukturieren und die einzelnen Abschnitte zueinander in Beziehung zu setzen. Bildlich dargestellt können wir unser Leben mit all seinen Mühlsteinen und Sternenflügen aus einem distanzierteren Blickwinkel betrachten.

Raum:
Es werden große Flächen vorbereitet, an die wir später die Blätter mit den Zeichnungen anheften können. Die Teilnehmer brauchen große Arbeitsflächen, um sich mit ihren Materialien ausbreiten können. Material: Großes Papier (mindestens DIN A3), Buntstifte, Wachsmalkreiden, Bleistifte und Fineliner, Klebeband oder Reißzwecken zum Anbringen der Bilder, ruhige Hintergrundmusik (zum Beispiel Gitarrenstücke).

Warm-up:
Jeder Teilnehmer verfaßt ein Akrostichon zum Wort "Erinnerung". Beim Vorlesen der Akrostichons tauschen wir uns kurz über die Bedeutung von "Erinnerungsbildern" aus.
s. Methoden
(Akrostichon)
20 min

Gestaltung der Lebenskurve:
"Stellt euer Leben als Grafik dar. Die Horizontale zeigt eure Lebensjahre an, während die Vertikale die Höhepunkte und Tiefen jener Zeit verdeutlicht. Differenziert euren Lebensweg durch "Nebenarme", die von der Hauptlinie abweichen. An bedeutsamen Punkten könnt ihr Symbole und Zeichnungen einfügen - eurer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. So entsteht eure ganz persönliche BioGrafik, die euer Leben in Bildern zusammenfaßt."

40 min

Beispiel:

20 min

Auswertung der Bilder und Schreibaufgabe 1:
Die Bilder werden aufgehängt. Alle wandern umher und sehen sich die Ausstellung an ohne zu wissen, wer welches Bild gemalt hat. Jeder sucht sich nun die Grafik eines anderen aus und schreibt einen kurzen Text dazu. Der fremde Blickwinkel ist spannend: Das eigene Leben wird aus einer neuen Perspektive betrachtet und kommentiert. Die fertigen Texte werden dann zu den entsprechenden Bildern gelegt.
45 min
Schreibaufgabe 2:
Mit seiner BioGrafik und dem Text zieht sich jeder an seinen Arbeitsplatz zurück. Zu dem Bild soll nun ein eigener Text entstehen. Ausgangspunkt dazu können das Bild als Gesamtwerk, einzelne Teile davon, wachgewordene Erinnerungen oder der Fremdtext sein. Die Texte werden vorgelesen. Weil wahrscheinlich sehr persönliche Erinnerungen und Assoziationen beschrieben werden, sollte genügend Zeit für Diskussionen und Gespräche eingeplant werden.
40 min
Abschluss:
Nächte wie diese beenden wir gerne mit einem lockeren Schreibspiel, z.B. einem verdeckten Gruppengedicht. Dabei entstehen skurrile Texte, welche die Atmosphäre auflockern.
Methoden (Gruppengedicht) 15 min

Textbeispiel:

Beschreibung zu einer BioGrafik:
Ein Leben voller Elektrizität.
Mit Blitzen, Widerständen und Verbünden.
Ein Leben des Widerstands, mit wachsenden Voltzahlen.
Der Strom nimmt seinen Weg
In ungleichen Stößen;
Kurzschlüsse eingeschlossen.
(Frank Michel)

 

24. Nacht:
Musengeküßte Sinneslüste - kulinarische Schreibnacht

Erdbeeren im Winter, Bohnen im Frühling - frisches Obst und Gemüse gibt es bei uns zu jeder Jahreszeit. Schöner finden wir es aber, für diese Schreibnacht saisonale Zutaten zu wählen, die wir vielleicht in der Kindheit bestimmten Monaten zugeordnet haben: Kirschenzeit? Kann man da nicht schon längst barfuß laufen und mit den Kernen Weitspucken üben? Oder Pflaumen, sind die nicht immer erst reif, wenn plötzlich überall Wespen herumschwirren? War nicht bald Nikolaus, wenn jemand die erste Mandarine mit in die Schule brachte? Diese Schreibnacht ist für den Sommer konzipiert. Wir haben sie in abgewandelter Form aber auch schon im Winter durchgeführt und Oden an Bratäpfel, Vanillesoße, Nüsse und den Punsch geschrieben!

Material:
Obst und Gemüse, möglichst frisch und vielfältig. Außerdem eine Ode von Pablo Neruda (siehe Arbeitsblatt).

Vorbereitung:
Obst und Gemüse wird in einem Korb oder einer Schale drapiert. Von jeder Sorte werden außerdem einige Früchte in mundgerechte Häppchen geschnitten.

Warm-up:
Die Teilnehmer bekommen das Obst und Gemüse zunächst nicht zu sehen. Sie werden aufgefordert, die Augen zu schließen, den Mund zu öffnen und zu kosten, was ihnen hineingelegt wird. "Schreibt auf, was ihr geschmeckt habt. Was bleibt für ein Geschmack zurück? Wie hat sich die Frucht im Mund angefühlt? Hat sie vielleicht Erinnerungen ausgelöst? Der Namen der Frucht soll in eurem Text nicht genannt werden."
Die Texte werden vorgelesen. Kann die Gruppe erraten, welche Obst- und Gemüsesorten beschrieben wurden?

5 min

20 min


15 min

Schreibaufgabe:
Zunächst wird die "Ode an die Zwiebel" von Pablo Neruda vorgetragen. Es sollte kurz besprochen werden, dass eine Ode eine lyrische Gattung ist, die Erhabenes, Feierliches, Bedeutungsvolles ausdrückt. Ursprünglich hatte sie strenge Strophenmaße, heute ist die Form freier.
Ein Leiter bringt den Obstkorb herein. Jeder sucht sich etwas aus und fertigt ein Cluster zu seiner Frucht oder seinem Gemüse an.

Auf Grundlage der Cluster schreiben die Teilnehmer Oden an die jeweilige Frucht.

s. Arbeitsblatt
10 min


s.Methoden (Cluster)
10 min

40 min

Die Oden werden (schön pathetisch!) vorgetragen. Dazu stehen die Vortragenden auf und nehmen ihre Frucht in die Hand.
20 min
Als lustiger Abschluss
werden Gruppen-Oden geschrieben, bei denen niemand weiß, was eigentlich gerühmt wird. Alle beginnen die erste Zeile mit "Oh, Du...." und ergänzen sie beliebig. Sie fügen noch eine weitere Zeile hinzu und geben den Text weiter.
s. Methoden (verdeckte Gruppengedichte)
40 min

Textbeispiel:
Ode an die Karotte

Dein orang´ner, langer, schlanker Körper
wird von meinen hungrigen Augen
schmachtend enterdet,
in der Hoffnung,
dich bald verschlingen zu dürfen.

Wie du so mit deinen Armen lockst,
deinen Oberkörper zaghaft aus dem Boden hebst,
um meine Blicke auf dich zu lenken.

Wie selbstsicher du es gestattest,
dass ich dich herausziehe.

So ruhst du bald,
sanft und zerkleinert,
oh Karotte,
in meinem Magen.
(Kerstin Zabel)

Arbeitsblatt zur 24. Nacht: - Pablo Neruda: "Ode an die Zwiebel"
Zwiebel,
leuchtende Phiole,
Blütenblatt um Blütenblatt
formte deine Schönheit sich,
kristallene Schuppen
ließen dich schwellen,
und im Verborgenen der dunklen Erde
füllte dein Leib sich an mit Tau.
Unter dieser Erde
ward dieses Wunderwerk,
und als dein unbeholfener
grüner Trieb erschien
und deine Blätter degengleich
sprossen im Garten,
drängte die Erd
ihren Reichtum zusammen
und wies deine durchscheinende Nacktheit,
und wie in Aphrodite das ferne Meer
die Magnolie nachschuf,
da es ihre Brüste formte,
also bildete
die Erde dich,
Zwiebel,
hell wie ein Planet
und zu leuchten bestimmt,
unvergängliches Himmelszeichen, rundliche Rose von Wasser
auf dem Tisch der armen Leute.

Verschwenderisch
läßt du
deinen Globus der Frische zergehn
im verzehrenden Sud
des Topfes,
und der kristallene Saum
und des Öls entfachter Hitze
verwandelt sich in eine gekräuselte Feder von Gold.
Auch gedenke ich, wie dein Zutun
die Freundschaft des Salates fruchtbar macht,
und es will scheinen, der Himmel hilft mit,
da er dir des Hagelkorns zierliche Gestalt verlieh,
deine feingehackte Helle zu rühmen
auf den Hemisphären einer Tomate.
Aber erreichbar den Händen des Volkes
und beträufelt mit Öl,
bestreut mit ein wenig Salz
tötest du den Hunger
des Tagelöhners auf mühsamem Wege.

Stern der Armen,
gütige Fee,
eingehüllt
in zartes Papier
kommst du aus dem Boden der Erde,
ewig, vollkommen und rein
wie Samenkorn der Gestirne,
und wenn in der Küche
das Messer dich zerschneidet,
quillt die einzige
leidlose Träne.
Du machst uns weinen, ohne uns zu betrüben.
Solange ich lebe,
will ich lobsingen,
Zwiebel,
für mich aber bist du schöner
als mit blendenden Schwingen
ein Vogel,
für meine Augen bist du
Himmelskugel, Platinkelch,
beschneiter Anemone
unbeweglicher Tanz,
und der Erde ganzer Duft, er lebt
in deiner kristallinischen Natur.

Quelle: Pablo Neruda: Gedichte. 1923 - 1973. Aus dem Spanischen herausgegeben von Carlos Rincón. Reclam Verlag, Leipzig 1979 ( Reclams Universalbibliothek 589)

 

Arbeitsblatt 1 zur Textarbeit:
Kriterien zur Arbeit an Texten

Inhaltliches:

Prosatexte:

Lyrik: